8 Comments
User's avatar
Timm Grams's avatar

Liebe Anna Veronika Wendland, an wen richtet sich Ihre Streitschrift pro Kernkraft? Von wem erwarten Sie eine Gegenrede? Warum platzieren Sie solche Artikel im skeptischen Umfeld (WePlanet@SkepKon, 4.6.2025 )?

Diese Debatte findet auf dem Feld der Politik statt und ist nicht Angelegenheit der Skeptiker:

https://substack.com/@vollda/note/c-252686724?r=6solcu

Als Unterstützer von LobbyControl geht es mir nicht um eine Verteufelung der Lobbyarbeit an sich. Das Ziel ist Transparenz. Es sieht so aus, als nutze die Kernkraftlobby das Etikett der Skeptikerbewegung, obwohl diese Bewegung in ihrer Gesamtheit allein aufgrund ihrer Verfassung zum politischen Pro und Contra gar nichts sagen kann.

Es ist verdeckte PR, ähnlich dem Astroturfing. Die Entlarvung solcher Aktivitäten hat sich der Skeptiker zur Aufgabe gemacht, und nicht etwa deren Förderung!

Ihre fachliche Kompetenz steht für mich keineswegs in Frage, nur deren Wirkungsort.

Timm Grams's avatar

@ Amardeo Sarma

Sie präsentieren eindrucksvolle Grafiken, mit denen Sie die Vorteile der Kernenergie gegenüber den fossilen Energien zeigen. Sie führen gegen die Erneuerbaren ins Feld, dass sie für den Fall der Dunkelflaute ein fossiles Backup benötigen.

Das klingt überzeugend, ist es aber nicht. Mir fehlt hier die Gegenposition, die auch Alternativen zu den Fossilen ins Rennen schickt, vor allem Energiespeicher (mechanische, elektrische, chemische) oder auch Biomassekraftwerke.

Wir landen in einer politischen Diskussion. Dafür ist die Skeptikerbewegung aufgrund ihrer Verfassung nicht gerüstet.

Ich sehe einen noch ungeklärten Konflikt zwischen Skeptizismus und Lobbyismus:

https://substack.com/@vollda/note/c-252686724?r=6solcu

Scientific Temper's avatar

For a comparison of the health and climate impacts of different energy sources and why the required fossil backup changes the picture, see this note: https://substack.com/@amardeosarma/note/c-252591538

Timm Grams's avatar

@ Anna Veronika Wendland 28.4.202

Sie schreiben: »Wir haben also die gesellschaftliche Dimension keineswegs "zum Irrweg erklärt", sondern wir haben benannt, wo sie Defizite aufwies.«

Das ist aller Ehren wert. Die Argumentation verbleibt jedoch im Denkrahmen des objektiven Risikos.

Noch mehr als das interessieren den Skeptiker die Kunstgriffe des Argumentierens. Sie beklagen eine staatliche Bevorzugung der Energiegewinnung durch Wind- und Solartechnologie gegenüber der Kernkrafttechnik »ohne eine Abschätzung der Folgen von *Atomausstiegen*, z.B. der zusätzlichen Opfer durch den fossilen Ersatz der gesicherten Leistung aus Kernkraftwerken.«

Diese Art des Argumentierens nennt Arthur Schopenhauer Diversion: Es geht doch um Sonne und Wind im Vergleich zur Kerntechnik und nicht um die Vorteile der Kerntechnik gegenüber der Kohle.

»Die Zukunft der Kernenergie« sieht

Christian Klöppelt etwas anderes als Sie. Vor allem das objektive Risiko ist für ihn nicht der richtige Maßstab: »Kernenergie ist daher keine rein technische oder ökonomische Frage, sondern Ausdruck energiepolitischer Grundsatzentscheidungen unter Unsicherheit.« (bpb, 9.4.26)

Die überhastete Abschaltung von Kernkraftwerken in Deutschland verteidige ich nicht.

Anna Veronika Wendland's avatar

Nein, lieber Timm Grams, es handelt sich *nicht* um Diversion, jedenfalls nicht in dem Falle Deutschlands, den wir hier diskutieren. Denn das Kernkonzept der deutschen Energiewende ist die einseitige Erklärung von (fast nur volatilen) EE zum Selbstzweck, d.h. nicht etwa infolge einer wissenschaftsbasierten Optimierungsstrategie oder aus Betriebserfahrungen mit Sonne und Wind als dominanter Form der Erzeugung in Industriestaaten, sondern als Resultat einer voluntaristischen und normativ aufgeladenen Entschließung, derzufolge Sonne und Wind die erstrebenswerten Energien sein sollten. Zum Kernkonzept "deutsche Energiewende" gehörte zudem eine unbedingte Festlegung auf *gleichzeitigen* Atomausstieg, womit man sich die einzige CO2-arme gesicherte Leistung wegschoss, die man hatte.

Über lange Zeiten der Energiewendegeschichte erschien überdies der Atomausstieg als prioritäres Ziel, jedenfalls wenn man sich die Diskurse näher anschaut - Ausstieg aus der Kohleverstromung war im Grunde bis zur Klimadebatte ab ca. 2017 kein Thema. Das geht sowohl aus zeitgenössischen Projektionen aus der Zeit um 1980 hervor, als das Konzept Energiewende erdacht wurde, als auch aus der real gemachten Politik.

Das macht nachgereade die Besonderheit der deutschen Energiestrategie aus. DIESE Form von Energiewende musste im Erfahrungsraum und Erwartungshorizont der Entscheider zwangsläufig eine fossile Absicherung der volatilen EE nach sich ziehen (man sagte es ja in der Ethikkommission 2011 auch deutlich und euphemisierte dann die gute deutsche Kohlekraftwerkstechnik als akzeptable Brückentechnologie). Alternative Technologien, etwa die saisonale Langzeitspeicherung mit "green H2", waren damals und sind übrigens bis heute nicht wirtschaftlich darstellbar. Biomasse ist aufgrund ihrer ökologischen Folgen und ihrer mediokren CO2-Bilanz anfechtbar, Batteriespeicher eignen sich nur zum Ausgleich des Tageslastgangs und sind auch für die gesicherte Leistung im Kraftwerkspark keine wirklich Alternative, wenn auch sie von wetterabhängigen Erzeugern abhängen.

Somit muss auch und gerade der Skeptiker die Fossilverstromung als *inhärente*, erwartbare und hingenommene Folge des deutschen Energiewendekonzepts mit Atomausstieg diskutieren und mit den Folgen des Nicht-Atomausstiegs abwägen. Da der Schaden der Fossilverstromung ein deterministischer Effekt ist und sehr hoch ist, nicht nur probabilistisch und im Vergleich niedrig wie bei der Kernenergie, müsste imho als Ergebnis einer solchen Abwägung der Atomausstieg im Falle Deutschlands verworfen werden. Auch in einer Grundsatzentscheidung unter Unsicherheit.

Scientific Temper's avatar

Dass wir heute mehr Kohle und Gas verbrennen, hängt nicht mit abstrakten „Vorteilen der Kernenergie gegenüber Kohle“ zusammen, sondern unmittelbar mit der Entscheidung, Kernkraft durch ein System aus Wind+Solar zu ersetzen, das auf absehbare Zeit fossiles Backup braucht. Dieses notwendige fossile Backup für das System Wind+Solar – vor allem aus Kohle – hat nachweislich gravierende Folgen für die Gesundheit und ist mit erhöhter Mortalität verbunden. Wir sehen am Beispiel Schwedens und Frankreichs, dass ein Stromsystem mit einem hohen Anteil an Kernkraft und/oder Wasserkraft deutlich weniger fossiles Backup erfordert.

Timm Grams's avatar

Lloyd's Coffee House in London ist der legendäre Ausgangspunkt des modernen Versicherungswesens nach Maßgabe des objektiven Risikos (Risiko = mathematische Schadenserwartung =

Schadenshöhe × Eintrittswahrscheinlichkeit).

Dieses Denken stößt an Grenzen, wenn die möglichen Schäden ins Unermessliche gehen. Die Folgen von Kernkraftwerksunfällen können sehr groß sein. Ein erträgliches Risiko ist nur dann gegeben, wenn sehr kleine Eintrittswahrscheinlichkeiten nachgewiesen werden können. Das ist kaum möglich. Im Versicherungswesen gilt die Kernkraft als unversicherbar.

In dieser Lage hat sich unsere europäische Gesellschaft dem Vorsorgeprinzip verschrieben, auf englisch: Prudent avoidance. Es fordert angemessene Anstrengungen zur Verringerung von Risiken, deren wahre Größe unbekannt ist (ALARA-Prinzip).

Damit verlassen wir die rein technische Sphäre und Risiko wird zu einem sozialen Konstrukt mit unterschiedlichen Ausprägungen in der gesellschaftlichen Mitte und an den Rändern: »The Center is Complacent – The Border is Alarmed.«

»A sober comparison of accident risks«, wie von Sarma und Wendland vorgeschlagen, reduziert die Betrachtung auf das objektive Risiko. Die gesellschaftliche Dimension wird somit zum Irrweg erklärt. Das halte ich für falsch.

Anna Veronika Wendland's avatar

Zunächst zum Faktischen: Die Kernschadensfrequenz deutscher Kernkraftwerke *ist* sehr klein (Isar-2, wenn ich mich recht erinnere, 2*E-7/Reaktorbetriebsjahr) - und das ist noch nicht mal das Freisetzungsrisiko, das noch kleiner ist. Diese Einschätzungen werden nicht für den Pool aller Anlagen vorgenommen, sondern für individuelle Anlagen, und auf dieser Grundlage werden sie auch versichert. Im Falle Deutschlands haftet erst der Atompool mit 2,5 Milliarden Euro und sodann die Betreiberorganisation mit ihrem gesamten Betriebsvermögen, im Falle Eon (Isar-2) ca. 100 Milliarden Euro.

D.h. die Aussage von der Nichtversicherbarkeit ist als unbegründet zurückzuweisen (und übrigens auch abzuwägen mit der Frage, wer eigentlich das als Alternative betrachtete Energiesystem versichert, nämlich den denkbaren, wenn auch gering wahrscheinlichen EE-Superschadensfall = EE-induzierter nationaler Stromausfall für mehrere Tage. Da geht der Staat ab dem ersten Euro in Haftung). Für die AKW Generation 3+ sieht es noch besser aus und da werden überhaupt keine Probleme mehr mit Versicherungen erwartet. https://www.nzz.ch/schweiz/economiesuisse-studie-baut-die-schweiz-ein-neues-akw-ist-das-sicherheitsrisiko-vernachlaessigbar-ld.1927732.

Das landläufige "alle 25 Jahre ein Atomunfall und da erzählen die uns was von einmal in einer Million Jahre" beruht also auf einem Missverständnis, ist aber auch Schuld der Atomindustrie, die in den 1970ern und 80ern die Probability Safety Analyses statt als das, was sie waren - ein Instrument zur internen Risikoberechnung und zur Auffindung von systemischen Schwachstellen beim Diskutieren von Störfallpfaden - als Instrument der öffentlichen Kommunikation gebrauchten und tatsächlich diesen Eindruck hinterließen.

"How safe is safe enough" ist natürlich eine soziotechnische Diskussion und wird in Gesellschaften entschieden. Nur hat eben die deutsche Gesellschaft unserer Meinung nach (d.h. meiner und Amardeos) nicht nach Abwägung aller Risiken aller Stromerzeugungssysteme entschieden, sondern mit einem äußerst reduzierten Wissensbestand über die Reaktorsicherheit unserer eigenen Anlagen (über die allein wir entscheiden konnten), auf die die großen ausländischen Atomunfälle gar nicht übertragbar waren; unter dem Eindruck einer dauerhaften, zum Kulturgut gewordenen Angstkommunikation; und ohne eine Abschätzung der Folgen von *Atomausstiegen*, z.B. der zusätzlichen Opfer durch den fossilen Ersatz der gesicherten Leistung aus Kernkraftwerken.

Das wäre das Mindeste, was die Ethikkommission 2011 hätte leisten müssen - und nicht geleistet hat, denn weder durfte sie ergebnisoffen entscheiden - sie sollte ja den Atomausstieg legitimieren, nicht diskutieren - , noch hatte sie kerntechnische Fachleute in ihren Reihen, noch wurden in der ethischen Betrachtung die Folgen des deutschen Atomausstiegs gegen die Folgen des Nichtausstiegs wirklich redlich abgewägt. Es wurde vielmehr eine Simulation einer Abwägung geliefert, in der die Annahmen über die Leistungsfähigkeit der deutschen EE zu optimistisch und über die Sauberkeit deutscher Kohlekraftwerke schlicht unwahr waren; von den damals nur von einigen Osteuropa-Fachleuten geäußerten Bedenken wegen einer Gazprom-Abhängigkeit Deutschlands ganz zu schweigen.

Wir haben also die gesellschaftliche Dimension keineswegs "zum Irrweg erklärt", sondern wir haben benannt, wo sie Defizite aufwies.